Gemeinde leben

Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis

 
 

Predigt zum nachlesen

Herzlich Willkommen in unserer neuen Rubrik "Predigt zum nachlesen". 

Wir freuen uns, dass Pfarrer Arndt Klemp-Kindermann damit einverstanden ist, seine gehaltene Predigt, hier auf unserer Homepage für Sie zum nachlesen zu veröffentlichen.


Gerade in den aktuell schwierigen Zeiten, wo nicht jeder in die KIrche kommen möchte, bietet sich Ihnen nun die Gelegenheit, die Predigt zumindest "nach zu lesen" und so, zumindest online, an unserem Gemeindeleben und unserem Gottesdienst teilzunehmen.


Wir wünschen Ihnen dabei viel Spaß...


Predigt zum Sonntag "Reminiscere", dem 2. Sonntag in der Passionszeit - 28.02.2021 - aus dem Evangelischen Gemeindehaus in Birlinghoven


Begrüßung:

Liebe Gemeindeglieder in Oberpleis und Umgebung,

Von einer schwierigen Liebesbeziehung handelt der Predigttext diese Woche. Es geht um die Menschen, die im Alltag Gott und seine Liebe zu unserem Leben über ihren Sorgen leicht vergessen und damit oft auch vieles an Gutem übersehen, was auch im Schweren oft noch bleibt. Also eigentlich ein Text genau für diese schwierige Situation zwischen Lockdown, Frühlingsluft und drohender dritter Welle… Wie geht es Ihnen damit, vorsichtig zu bleiben und doch auch leben zu wollen? Mir fällt das sehr schwer, auch wenn ich weiß, wie wichtig es ist, die Vorsicht nicht sinken zu lassen. Neulich noch war ich im wunderbaren Siebengebirge wandern und hatte schon Sorge, auf der Löwenburg in ein riesen Gedränge zu geraten. Die Sonne schien, das Wetter war traumhaft, erste Knospen sprangen auf, Hummeln brummten und die Menschen waren freundlich und achtsam. Auf engen Treppen wurde gewartet und Platz gemacht… ein perfekter Tag am Beginn des Frühlings mit Blick über unser wunderbares Siebengebirge. Solche Erlebnisse wünsche ich Ihnen auch! Achtsamkeit miteinander ohne Angst aber mit vernunftgeleiteten zarten Schritten zurück in die Lebendigkeit mit den Menschen um uns herum.

Möge uns Gott dazu die Ausdauer schenken, das Nötige zu tun.

Bleiben Sie behütet,

Ihr Pfarrer Arndt Klemp-Kindermann 


Predigt von Pfarrerin Ute Krüger:


Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, der da war, der da ist und der da kommt. Er segne uns reden und hören. Amen

Liebe Menschen, die mit uns Gottesdienst feiern,
„Wenn man Liebeskummer hat, merkt man erst, wie viele Lieder von Liebe handeln...“, so sagte neulich eine junge Frau zu mir. Ich gab ihr Recht- denn zu dieser Erkenntnis war ich auch schon unlängst gekommen und als ich den Predigttext für diesen Sonntag las, musste ich wieder daran denken: 
Es ist ein Liebeslied. Gesungen von dem Propheten Jesaja vor fast 3000 Jahren.


Vermutlich war es ein Erntefest, auf dem fröhlich gefeiert und viel gesungen wurde. Da erklang Jesajas Stimme wie folgt: (Jes 5, 1-7)


Hört! Ich will ein Lied singen, ein Lied von meinem besten Freund und seinem Weinberg: »Auf einem Hügel, sonnig und fruchtbar, lag das Grundstück meines Freundes. Dort wollte er einen Weinberg anlegen. Er grub den Boden um und räumte alle großen Steine fort. Die beste Rebensorte pflanzte er hinein. Er baute einen Wachturm mittendrin und meißelte einen Keltertrog aus dem Felsen. Wie freute er sich auf die erste Ernte, auf saftige und süße Trauben! Doch die Trauben waren klein und sauer! Urteilt selbst, ihr Leute von Jerusalem und Juda:


Habe ich für meinen Weinberg nicht alles getan? Konnte ich nicht mit Recht eine reiche Ernte erwarten? Warum brachte er nur kleine, saure Trauben? Wisst ihr, was ich jetzt mit meinem Weinberg mache? Zaun und Schutzmauer reiße ich weg! Tiere sollen kommen und ihn kahlfressen, Ziegen und Schafe, sie sollen ihn zertrampeln! Nie mehr werde ich die Reben beschneiden, nie mehr den harten Boden mit der Hacke lockern; Dornen und Disteln sollen ungehindert wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu bringen. Soll der Weinberg doch vertrocknen!« Dies ist eure Geschichte, ihr Israeliten. Ihr seid der Weinberg, und euer Besitzer ist der HERR, der allmächtige Gott. Ihr aus Israel und Juda, ihr seid die Pflanzung, auf deren Erträge er sich freute.

DAS soll ein Liebeslied sein? Da ist von einem Weingärtner die Rede… und davon, dass er keine Frucht bringt und dann dem Verfall preisgegeben werden soll. Von Liebe keine Spur, oder? Doch! Uns heute ist das nur nicht so klar, wie den Menschen zur Zeit Jesajas. Im Alten Israel war der Weinberg in der Poesie immer das Sinnbild für die Geliebte. Jesaja erklärt es sogar: Der Weinberg, die Geliebte, das ist das Volk Israel, und Gott ist derjenige der sich aufopfernd und voller Hingabe um den Weinberg kümmert, ihn umsorgt, bestellt und pflegt…. Und dann bleibt die erhoffte Ernte aus. Das was der Weinberg hervorbringt steht in keinem Verhältnis zu Gottes liebevoller Fürsorge.


Jetzt ist es als würde Jesaja ganz allein mehrstimmig singen, denn er wechselt die Perspektive. Eben singt er noch v o n dem Weinbergbesitzer, seinem besten Freund, von Gott. Und in den nächsten Zeilen spricht Gott selbst aus ihm: „Habe ich nicht alles getan? Konnte ich nicht mehr erwarten?“ 

Soviel Enttäuschung, so viel buchstäblich vergebliche Liebesmüh spricht aus diesen Worten. Das kann und soll den Hörenden ans Herz gehen, weil es Gott so tief ins Herz geht, dass seine Liebe oft so unerhört, so fruchtlos bleibt.


Und wie es bei enttäuschter Liebe gehen kann: die Traurigkeit schlägt um in verzweifelt klingenden Zorn… Der Weinberg soll dem Erdboden gleich gemacht werden, die schützenden Zäune und Mauern will Gott einreißen.


Nach dem ersten Schreck über diese Worte bin ich berührt!


Wie lebensnah, wie anrührend, wieviel echte Liebe von Gott zu uns Menschen, oder aus Sicht Jesajas zu seinem Volk Israel, aus genau diesen Zeilen spricht.

Da werden die Fragen und die Traurigkeit über Scheitern und vergebliche Liebesmüh nicht einfach aufgelöst, glattgebügelt oder kleingeredet. So große Gefühle, so ein tiefer Liebeskummer, muss durchlitten sein und kostet Kraft und Zeit... und das braucht Ausdruck: Die einen komponieren oder hören Liebeslieder, andere Malen, wieder andere stürzen sich in die Arbeit und die nächsten zerstören gemeinsame Erinnerungsstücke! Alles um sich aus dem Kummer zu befreien. Um sich zu lösen aus dem, was keine Frucht bringt, nur so wird Freiheit für Neues möglich- selbst bei Gott, so sagt es Jesaja… …Und vielleicht war das sogar unser Glück? Unsere christliche Sicht, das Erbe des ersten Testaments ist überhaupt nur durch dieses Einreißen der Beziehungsmauern zum geliebten Weinberg Israel möglich.
Aber wo wir untereinander auch vollkommen nachvollziehbar und sinnvoll so eine fruchtlose Beziehung beenden, da verharrt Gott nicht in seinem Kummer und enttäuschtem Zorn. Er nimmt einen neuen Anlauf mit einem ganz neuen Ausgangspunkt. Der Wochenspruch sagt es – er erweist uns seine Liebe schließlich in Christus. Und Jesus selbst, nimmt Im Neuen Testament dieses Motiv von Jesaja auf. Er erzählt das Gleichnis vom Feigenbaum, der keine Frucht bringt. Aber anders als bei Jesaja, setzt er sich aber dafür ein, den Baum stehen zu lassen und um ein Jahr weiterzupflegen.


Texte zu Beginn der Fastenzeit, die davon erzählen, dass auch mit Gott zusammen das Leben nicht immer leicht ist, nicht immer gelingt, nicht ohne Enttäuschung verläuft, für beide Seiten dieser Beziehungsgeschichte. Aber dass diese Liebesgeschichte von der Jesaja und die Evangelien singen eine echte Liebe ist. Kein Strohfeuer, wie ein verliebt-sein oder gern haben… Und dieser Unterschied zeigt sich eben, wenn die Hoffnungen und Erwartungen in das Gegenüber und die Beziehung  sich nicht erfüllen und enttäuscht werden. So eine Verliebt-sein oder gern-haben, ist meistens an ein „weil“ geknüpft: „Weil“ oder wenn sich das geliebte Gegenüber so oder so verhält, werbe ich weiter und umsorge und investiere ich… Aber wirkliche tiefe Liebe ist immer ein „trotzdem“ ein „dennoch“. Wenn ich unabhängig von der Resonanz oder dem unperfekten und unerwarteten Verhalten oder bei wenig Aussicht auf reichen „Ertrag“ oder Lohn für meine Liebesmühen trotz allem an der Seite oder in Reichweite des geliebten Gegenübers bleibe.

Und noch eines. SO eine Liebe lässt sich weder von außen beeinflussen noch vorherbestimmen. Sie wählt und schenkt sich wem sie will. Ist nicht bestimmten Menschen vorbehalten oder verwehrt.


Mit diesem Gedanken gehe ich mit Hoffnung und Zuversicht in die kommenden Wochen. In die Fastenzeit, die Zeit, die uns Geduld abverlangt, die Zeit in der auch weiterhin Menschen erkranken oder sterben, in der sich so viele fragen, ob und wie Lockerungen aller Einschränkungen möglich sind, die uns zunehmend schwerer fallen.


Ich will darauf vertrauen, dass es lohnt, wie in dem Psalmgebet an Gott festzuhalten. An dem, der nicht aufhört uns zu lieben, sich um uns zu sorgen und zu mühen, der uns nicht fallen lässt, trotz so vieler Schwächen, Fehler, Versäumnisse, der sich uns selbst schenkt und vollkommen hingibt und der verspricht, dass er uns schließlich in Ehren und liebevoll annimmt.


An den will ich mich trotz oder gerade wegen aller leidvoller Erfahrungen und Augenblicke halten und mich immer wieder an seine Liebe erinnern und immer wieder von seiner Liebe singen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.