Gemeinde leben

Evangelische Kirchengemeinde Oberpleis

 
 

Predigt zum nachlesen

Herzlich Willkommen in unserer neuen Rubrik "Predigt zum nachlesen". 

Wir freuen uns, dass Pfarrer Arndt Klemp-Kindermann damit einverstanden ist, seine gehaltene Predigt, hier auf unserer Homepage für Sie zum nachlesen zu veröffentlichen.


Gerade in den aktuell schwierigen Zeiten, wo nicht jeder in die KIrche kommen möchte, bietet sich Ihnen nun die Gelegenheit, die Predigt zumindest "nach zu lesen" und so, zumindest online, an unserem Gemeindeleben und unserem Gottesdienst teilzunehmen.


Wir wünschen Ihnen dabei viel Spaß...


4. Sonntag nach Ostern - Kantate

aus der Stieldorfer Kirche mit der Predigt von Pfarrer Bergner


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.


Liebe Gemeinde,

ich beginne mit einer Szene mitten in einer Nacht vor fast 2000 Jahren:

Er war müde geworden. Was für ein Tag! Endlich kehrte Ruhe ein. Er musste noch einmal daran denken, wie er von den Richtern gerufen wurde, um die beiden Juden einzusperren, die seit Tagen für Aufruhr sorgten. Einer hatte Paulus geheißen. Sie waren auf den Marktplatz gebracht und dort ausgepeitscht worden. Danach hatten sie ihm befohlen, die beiden so zu verwahren, dass sie auf keinen Fall fliehen konnten. In den innersten Kerker hatte er sie eingeschlossen und ihre Füße zusätzlich an einem Holzblock gefesselt. Sicher ist sicher. Man konnte ihm nichts vorwerfen, seit er Gefängniswärter in Philippi geworden war. Jetzt war es ganz still. Nur diese beiden – sie sangen immer noch. Sollten sie doch. Er löschte seine Lampe. Dann schlief er ein.


Liebe Gemeinde,

diese nächtliche Szene aus Philippi führt uns an die frühesten Anfänge des Christentums auf europäischen Boden. Wir sind unterwegs mit Paulus und Silas auf der zweiten Missionsreise. Der Aufenthalt in Philippi im heutigen Nordgriechenland hatte gut begonnen. Lydia, eine Stoffhändlerin, war durch die Botschaft der Apostel zum Glauben gekommen. Ihre ganze Familie wurde getauft und es entstand eine erste Hausgemeinschaft.  Als Paulus und Silas einer Sklavin jedoch einen Dämon austrieben, der sie zur Wahrsagerei befähigte, kommt es zum Kon-flikt. Denn für die Besitzer der Sklavin sind die Geschäfte mit deren Wahrsagungen von jetzt auf gleich zu Ende. Mit Gewalt werden Paulus und Silas auf den Marktplatz gezerrt und des Aufruhrs bezichtigt. Doch hören sie selbst, wie die Geschichte aus Apostelgeschichte 16 weitergeht:


Lesung Apostelgeschichte 16, 23-25:

Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen.


Ich weiß nicht, liebe Gemeinde, ob Ihnen jetzt überhaupt nach einem Loblied zumute ist, ob und in welchen Situationen Sie gerne singen. Mit dem Singen und den Lobliedern ist das ja in Corona-Zeiten so eine Sache. … Aber hier? Ausgepeitscht, weggesperrt und gefesselt und dann Loblieder? In einer solch verzweifelten und ausweglosen Situation! Das passt doch nicht. Mir bleibt das fremd. Und gleichzeitig bin ich fasziniert, was dieser Lobgesang bewirken kann. Wir lesen weiter.


Lesung Apostelgeschichte 16, 26-34:

Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.


Es ist eine unglaubliche und dramatische Geschichte. Trotzdem: Nicht alles, was ich gerne wüsste, wird uns hier berichtet. Was aus den Gefangenen geworden ist – ob sie tatsächlich freikommen oder in ein anderes sicheres Gefängnis verlegt werden. Wie es für Paulus und Silas weitergeht – erst später erfahren wir, dass sie die Stadt als freie Bürger verlassen. Ob der Gefängniswärter seinen Posten behält oder nicht? Gleich mehrere Wunder folgen aufeinander. Aber der Reihe nach:


Ich konnte nichts sehen, aber kein Stein stand mehr auf dem anderen. Alles war eingestürzt. Das war´s, dachte ich nur: Das Ende! Alle Gefangenen sind weg und mich werden sie dafür zur Rechenschaft ziehen. Als ich mich in mein Schwert stürzen wollte, hörte ich die Stimme dieses Paulus: „Tu dir nichts an, wir sind alle noch da.“ Ich glaubte ihm kein Wort. Woher wollte er das wissen? Aber tatsächlich: Nachdem wir eine Lampe entzündet hatten, konnte ich sehen, dass alle Gefangenen noch da waren. Dabei waren die Türen geöffnet und sogar die Fesseln gelöst. Ich erschrak erneut. So etwas habe ich noch nie erlebt.


Es ist, als würde Gott mit dem Erdbeben auf den Gesang der Apostel antworten. Wer oder was hat sie bewegt, in der Lage zu singen. Und was mögen sie wohl gesungen haben. Was mag ihnen in den Sinn gekommen sein? Waren es die vertrauten Psalmen, die wir auch kennen? Oder die alten Lieder von der Befreiung des Volkes aus der Sklaverei in Ägypten? Oder so etwas wie “Ich singe dir mit Herz und Mund”, was wir heute singen. Ich muss daran denken, welche besondere Kraft auch Liedern in neueren Zeiten innewohnt.

- Dietrich Bonhoeffer schrieb sein Lied „Von guten Mächten“ im Angesicht des Todes im KZ als Ausdruck seines Vertrauens, dass Gott selbst aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann.

- Nelson Mandela hatte ebenfalls eine besondere Beziehung zu seinen Gefängniswärtern. Seiner Befreiungsbewegung, dem ANC, war das Singen bei bestimmten Versammlungen aber verboten. Das Apardheitsregime fürchtete, die Musik setze gefährliche Kräfte frei.

- Eine Frau aus der Gemeinde sagte mir nach der Trauerfeier ihres verstorbenen Mannes, beim Singen habe sie einfach nur noch Dankbarkeit gespürt und alles Schwere sei von ihr abgefallen.

Der Theologe Peter Bubmann formuliert es so: „Im Singen klingt die Zukunft Gottes schon jetzt in uns an. Da ahnen wir, dass es wirklich eine Macht gibt, die unser Leben trägt und immer wieder erneuert. Da erfahren wir, dass unser Leben Sinn macht, auch wenn es nicht immer erfolgreich oder glücklich verläuft. Im Singen kommen uns die Klänge des Himmels nahe.“

Unsere Kirchenmusik, ja sie ist wie nächtlicher Lobgesang wesentlicher Bestandteil der Verkündigung. In ihr verbindet sich die Macht des Wortes mit der Macht der Musik. An der Reaktion des Gefängniswärters spüren wir, welche Wirkung das Geschehen bei ihm persönlich auslöst. Wir schauen noch einmal auf ihn und hören seine Gedanken:


Er stand wie angewurzelt da. Paulus und Silas ihm gegenüber. Was waren das für Männer! In der Nacht hatten sie fröhliche Lieder gesungen und wirkten gar nicht verzweifelt. Und sein eigenes Leben hatte in ihrer Hand gelegen und sie hatten ihn gerettet. Er fiel vor Ihnen nieder: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“, fragte er sie. „Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.“ Er verstand das nicht sofort und fragte nach. Da begannen die beiden zu erzählen: Von Gott, der allen Menschen das Leben schenkt, der sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat, von Jesus, dem Sohn Gottes, der für die Menschen lebte, für sie litt, starb und auferstand, vom Geist der Gemeinschaft und des Friedens, den Gott verheißt. Zu ihm hatten sie also gebetet, von ihm hatten sie gesungen.


Obwohl er so schnell nicht alles begreifen konnte, brauchte der Gefängniswärter nicht lange zu überlegen. Er hatte verstanden, dass dieser Gott die Menschen ohne Vorbedingungen liebte, dass er zu ihm gehören konnte, wenn er denn wollte. Und wie er wollte! Er spürte, dass dies eine besondere Nacht war, die sein Leben verändern würde…Liebe Gemeinde, wir werden in den letzten Versen unseres Abschnitts zu Zeuginnen und Zeugen dieser Veränderung. Der Gefängniswär-ter, sonst in der Erfüllung seiner Pflicht äußerst gewissenhaft und im Umgang mit den Gefangen-en alles andere als zimperlich, dieser Mann ver-sorgt nun die Wunden von Paulus und Silas. Mit seiner ganzen Familie lässt er sich noch in der Nacht taufen. Er wird zum Gastgeber seiner ehemaligen Gefangenen, deckt ihnen den Tisch und genießt ihre Gemeinschaft. Er ist mit ihnen freigekommen, frei geworden für ein neues Leben in dieser Nacht. Wenn es nach ihm ginge, bräuchte sie kein Ende zu haben. Wir, liebe Gemeinde, sind eingeladen, mitzufeiern. An die-sem Tisch ist Platz für uns, um einzustimmen in die große Freude, im Dunkeln zu singen und den neuen Tag zu erwarten. Cantate, singt! Singt laut! Singt jetzt! Denn Lobgesang befreit zum Leben.


Und der Friede Gottes bewahre uns in Christus. – Amen.


Gebet:

Lebendiger Gott, du kennst uns. Du hörst unseren Lobgesang und unsere Klagelieder. Du weißt, dass unsere Stimmen manchmal sogar ganz verstummen. Auch dann bist du da. Erfülle uns heute neu mit deinem Geist, wenn wir reden, hören und singen. Lass uns einstimmen in das Lob des Lebens, das du uns schenkst. Verwandle du, Gott, unser Leben in einen Lobgesang deiner Kraft und deiner Barmherzigkeit. Dies bitten wir durch Christus, unseren Bruder und Herrn. – Amen.